Chronik

Eigentlich besitzen Chroniken immer ihre eigenen Probleme, entweder sie sind zu nüchtern, weil nur auf Fakten basierend oder sie sind zu weitschweifend, weil alle Episoden berücksichtigt wurden. Sie können aber auch reine Lobeshymnen darstellen, doch dabei werden garantiert wichtige Personen oder Daten vergessen.

Eines jedoch bleibt; In der heute medienbetonten Zeit ist Historie und Vergangenheit nicht vorrangig von Interesse, was zählt, sind stets die Ergebnisse der Gegenwart.

Allen Rollstuhlsportlern, Betreuern, Helfern, Sponsoren für deren in den 40 bis 50 Jahren geleistete Arbeit im Interesse des Rollstuhlbasketballsportes des Ostens Deutschlands an dieser Stelle aufrichtigen Dank.

Leider sind zu wenige Quellen aus anderen Orten und Regionen bekannt, in denen jetzt auch regelmäßig Rolli-Basketball gespielt wird, wo jedoch auch Pflege der Historie geführt wird oder die Verantwortlichen der ersten Stunde längst nicht mehr aktiv sind.

Das Jahr 1946 war für den Rollstuhlbasketball auf der Welt die Geburtsstunde. Amerikanische Kriegsinvaliden nutzten die Möglichkeiten, um in Rollstühlen beim Basketballspiel ihre Rehabilitation zu unterstützen.

Irgendwann, so um 1975/76 war auch in der Lausitz der Tatendrang einiger Behinderter und ihrer Krankengymnastinnen in der Orthopädischen Klinik Kolkwitz bei Cottbus nach mehr Bewegung so groß geworden, dass man sich entschloss, regelmäßig Rollstuhlbasketball zu spielen.

Als Sektion Versehrtensport der BSG Medizin Cottbus richtete man 1976 ein erstes eigenes Sportfest aus, weitere folgten. Ab Herbst 1976 wurde dann mit den gleichgesinnten Patienten und Sportlern aus Dresden eine Spielgemeinschaft gebildet, die regelmäßig an Vergleichen mit Mannschaften aus Leipzig, Berlin, Stavenhagen und Thurm bei Zwickau teilnahm und dabei auch gut abschnitt. Nach der Wende 1989/90 erweiterte sich die Gegnerschaft erheblich und Vergleiche bei Sportfesten in Kiel und Wilhelmshaven wurden erfolgreich bestanden. So bekamen die bisher mehr oder weniger Freizeitsport treibenden Behindertensportler endlich die Möglichkeit, ihren Sport auch ernsthaft und zielgerichtet zu betreiben. Sie bewiesen trotz ungleicher Voraussetzungen bei den Hilfsmitteln und Stühlen nicht nur im Rollstuhlbasketball, sondern auch in der Leichtathletik ihr Potential und verblüfften so manchen Gegner.

In der Sportart Rollstuhlbasketball, die von den Cottbusern nun wettkampfmäßig gespielt wurde, erfolgte im Jahr 1994 der Aufstieg in die Regional-Liga Nord. Dieser Spielklasse gehören sie auch heute noch an. Andere Mannschaften dagegen nahmen ganz Abschied vom Rollstuhlbasketball oder setzten in anderen Organisationsformen ihren Weg fort. So zum Beispiel Zwickau, wo heute regelmäßig um die Deutsche Meisterschaft und internationale Titel gespielt wird oder in Berlin, wo mit ALBA ein Spitzenteam noch nicht ganz sein mögliches Potential ausgeschöpft hat, dafür aber in der Hauptstadt Berlin mit dazu beigetragen hat, dass sich weitere Vereine mit guten Leistungen im Rollstuhlbasketball etablierten und ihre Zuschauer begeistern.

Andere Regionen, wie Dresden und Leipzig haben ihr mögliches Leistungsvermögen noch nicht völlig erschlossen, in Thüringen wird möglicherweise durch die Vorbildwirkung des Vereines Oettinger in Elxleben ein Beispiel gesetzt und jungen behinderten Menschen gezeigt, es geht immer noch etwas, auch wenn alles schon ausweglos erscheint. Auch Mecklenburg-Vorpommern mit seinem Standorten Rostock, Greifswald und Schwerin hat noch Steigerungspotential.

Zwischenzeitlich fanden die Cottbuser Rollis ihre neue Heimstatt beim LC Cottbus, wo neben Basketball speziell auch in der Leichtathletik sportliche Erfolge erzielt wurden und werden. Seit dem vergangenen Jahr besteht hier in der Leichtathletik ein Olympia-Stützpunkt. Namen wie Yvonne Sehmisch, Francis Herrmann oder Gert Franzka sind überall bekannt; neue Namen kommen dazu. Auch im Gewichtheben und in Schießdisziplinen kamen Cottbuser Rollstuhlfahrer schon zu Ehren.

Ihre größte sportliche Ehrung in der Stadt Cottbus erreichten die Rollis 1998 bei der Wahl der „Sportler des Jahres“ in der Mannschaftswertung mit einem ersten Platz.

Beim SUB-DIVISION-CUP, einem Pokalwettbewerb des Deutschen Rollstuhlsportverbandes für Auswahlmannschaften der „unteren“ Regionen in Nord, Süd, West und Mitte, aber ohne Bundesligaspieler, trugen drei Cottbuser Sportler (Udo Flux, Ronny Kiethe und Burghard Zimmer) über sechs Jahre entscheidend zum Gewinn von drei ersten und drei zweiten Plätzen bei. Inzwischen ist dieser Wettbewerb vom MEYRA – CUP abgelöst worden und bei einer ersten Teilnahme am Finalturnier in Hannover erreichten die Rollis vom LCC im Jahr 2004 einen hervorragenden zweiten Platz.

Leistungssportlich gesehen, erreichten die Cottbuser Rollis 2005 den wohl größten Erfolg. Sie wurden Gewinner des Regional-Pokal-Nord und damit war verbundenen das Erreichen der ersten Hauptrunde des DRS-Pokal. In unserer Gruppe durfte gegen die damals beste europäische Spitzenmannschaft, den RSV Lahn-Dill (1. Bundesliga, vielfacher Deutscher Meister seit 1998, Deutscher Pokalsieger 2002, 2004, 2005 bis heute sowie Europa-Champion 2004 und 2005), angetreten werden. Der zweite Gegner war ALBA Berlin (2.Bundesliga Nord), den Cottbusern aus vielen regionalen Vergleichen nicht unbekannt.

Der LC Cottbus stand erstmals unter den letzten 29 Mannschaften dieses Pokalwettbewerbes. Das war vergleichbar mit der Ansetzung im DFB-Pokal „Neuruppin gegen Bayern München“.

Ein solches Losglück gegen Europas beste Vereinsmannschaft antreten zu dürfen, wird wohl so schnell für den Cottbuser und auch Brandenburger Behindertensport nicht wieder kommen.

Natürlich gab es keine Überraschung und man verlor gegen Lahn-Dill deutlich, das Spiel gegen ALBA jedoch wurde gewonnen und so war das Ausscheiden weniger schmerzlich und man schied mit hocherhobenem Kopf aus.

Leider nutzten nur wenige Zuschauer die Möglichkeit des persönlichen Betrachtens dieser Sportart, die eigentlich kein Schattendasein verdient hat.

In der Zwischenzeit wurde beim DRS eine eigenständige Spielregion Ost gegründet, zu der bis auf Mecklenburg-Vorpommern, alle anderen ostdeutschen Regionen zählen, ein eigener Spielbetrieb in Regional-, Ober-, Landes- und Einsteigerliga wird seit einigen Jahren abgesichert und in Gemeinsamkeit und Unterstützung des Verbandes der Pokal- und der Aufstiegsspielbetrieb durchgeführt. Freizeitturniere und andere Aktivitäten runden den Sport in der wettkampffreien Zeit ab…

Verfasser: Burghard Zimmer